Il Cardillo

Die Bevölkerung der größten Metropolregion Süditaliens hat mit denselben Problemen zu kämpfen wie andere Menschen in Südeuropa und auf der ganzen Welt: mit hoher (Jugend-)Arbeitslosigkeit, mit der durch einen an den Menschen vorbeidenkenen Städtebau geschaffenen Unwirtlichkeit der Städte (wie es der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich bereits in den 1960ern nannte), sowie mit Politiken, die den Interessen mächtiger, bisweilen mafiöser, wirtschaftlicher Akteure dienen, nicht aber die Lebensverhältnisse der Menschen verbessern.

Besonders betroffen sind die monetär armen Bewohner_innen der peripheren Viertel, nördlich und östlich des Stadtkerns. Hier fehlt es seit Jahrzehnten an Infrastruktur jeglicher Art, guter Verkehrsanbindung, sowie Bildungs- und Kultureinrichtungen. Von wirklicher sozialer Teilhabe kann kaum die Rede sein. Hinzu kommt die Stigmatisierung einzelner Viertel als Brennpunkte krimineller Tätigkeiten, des Drogenhandels und der mit ihm in Verbindung stehenden Gewalt. Von diesem Diskurs besonders betroffen ist das Viertel Scampia und in ihm der Gebäudekomplex der vele (italienisch für Segel), die wegen ihrer Dreiecksform so genannt werden. Spätestens seit Erscheinen des Bestsellers Gomorra von Roberto Saviano und Matteo Garrones Verfilmung des Buches ist dieses Viertel in Italien und auch über die Landesgrenzen hinaus als riesiger Drogenmarkt und Schauplatz zahlreicher Gewaltverbrechen verrufen.

Dieser diskriminierende Diskurs überträgt sich auf die Bewohner_innen Scampias. Aufgrund der Vorurteile über Scampia und der Stigmatisierung durch die Medien bleibt der Bevölkerung der Zugang zu formeller Arbeit und Bildung, sowie zu sozialen Kontakten in andere Stadtteile weitgehend verwehrt. (Nach Angabe ihrer Adresse werden sie gar nicht mehr zum Vorstellungsgespräch eingeladen und ähnliches.) Unter dem Gefühl von Ausgrenzung und Scham leiden die Bewohner_innen der vele besonders stark.

Die Präsenz des Staates hat in Scampia eine Marke auf der Brust und eine Pistole am Gürtel hängen. Wie viele Beispiele weltweit zeigen, dienen auf bestimmte Räume bezogene Kriminalitätsdiskurse dem bürgerlich-kapitalistischen Staat oft dazu die ärmsten Teile der Bevölkerung durch polizeiliche und militärische Gewalt von jeglichen Versuchen gesellschaftlichen Wandel anzustoßen, abzuhalten. Dies trifft auch auf Scampia zu. Innerhalb der letzten zehn Jahren wurde dort zweimal das Militär eingesetzt. Die Bevölkerung beklagt sich über die große Polizeipräsenz, die Straßensperren, die unfreundlichen Beamt_innen, die in jedem jungen Mann einen bewaffneten Drogendealer zu sehen scheinen.

Das Viertel Scampia wurde in den 1970er bis 1990er Jahren in der nördlichen Peripherie Neapels gebaut. Heute sind auf den 4 km² Scampias rund 62.000 Einwohner_innen registriert, tatsächlich leben wohl einige Zehntausend mehr dort. 50-75% der Erwerbsfähigen sind ohne formelle Arbeit. Architektonisch und städtebaulich ist Scampia stark vom zur Zeit seiner Entstehung so einflussreichen Funktionalismus und der von diesem vorgesehene Trennung verschiedener Aspekte des Alltags (Arbeit, Wohnen, Konsum) geprägt. Die von breiten Straßen getrennten Hochhauskomplexe befinden sich heute, nach Jahrzehnten der staatlichen Vernachlässigung, in miserablem Zustand. Zwischen den Bergen aus oft asbesthaltigem Beton erstreckt sich die Asphaltwüste in der Mütter mit Babys auf dem Arm ihre Runde laufen, Konsument_innen giftiger Substanzen mit der Nadel im Arm in der prallen Sonne liegen, Kinder versuchen Fußball zu spielen ohne von Motorrollern überfahren zu werden… eine Landschaft deren städtebauliche Konzeption mit der Alltagspraxis der Menschen zunächst wenig zu tun hatte, oder besser: erfolgreich versuchte diese zu ignorieren. Während das Zentrum Neapels seit 2.500 Jahren täglich von seinen Bewohner_innen geschaffen wird und die Prägung des Alltags und der Bedürfnisse der Menschen in sich trägt, kommt diese städtische Landschaft vom Schreibtisch einiger weniger Stadtplaner_innen, die mit den Menschen die hier gelebt haben und leben nichts zu schaffen hatten, und im Auftrag von Politiker_innen arbeiteten, über die man dasselbe sagen kann.

Allerdings gibt es in Scampia, wie überall wo gesellschaftliche Widersprüche für bestimmte Bevölkerungsgruppen unerträglich werden, vielseitige Ansätze des Widerstands der kommunitären Organisation und Selbsthilfe. Außerdem gibt es verschiedene Akteur_innen, die zwar „von außen“ kommen, aber (mal mehr mal weniger gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung) versuchen etwas am Status quo zu ändern. Seit Mai 2009 arbeitet das kollektiv orangotango mit den in Scampia aktiven Sozialbewegungen, der Organisation chi rom e chi no, dem Centro Territoriale Mammut und dem Kulturzentrum GRIDAS zusammen. Dabei konnten wir Einblicke in verschiedenste gesellschaftliche Praxen und politische Kämpfe erlangen, die im Viertel ausgetragen werden: politische Jugend- und Bildungsarbeit, Stärkung von Rechten der am Rand Scampias ansässigen Roma-Gemeinschaften, Kampf für eine partizipativere Stadtpolitik, insbesondere was die Gestaltung des öffentlichen Raums betrifft, die Besetzung leerstehender Räume zur gemeinschaftlichen kulturellen Nutzung, die in Neapel seit Jahrzehnten aktive Arbeitslosenbewegung, die Bewegung der Barackenbewohner_innen, ein regionales Netzwerk für solidarische Ökonomie und die Kämpfe um Wohnraum. Außerdem lernten wir zahlreiche im Viertel aktive Bewohnergruppen kennen, die versuchen durch Musik, Kunst, gemeinschaftliche Organisation zur Nachbarschaftshilfe, uvm. einen Wandel des Alltags in Scampia herbeizuführen.

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Im August 2009 arbeiteten wir einige Wochen lang mit Unterstützung des Kulturzentrums Mammut, welches Workshops, Ferienprogramme und Beratung in allen Lebenslagen für die Kinder und Jugendlichen des Viertels anbietet und sich seit Jahren für die partizipative Gestaltung und Nutzung des öffentlichen Raums im Viertel einsetzt zusammen. Wir gestalteten verschiedene Wandbilder in Scampia und versuchten möglichst viele Anwohner_innen, meist Kinder und Jugendliche in diese Projekte einzubinden. Außerdem halfen wir in dieser Zeit bei verschiedenen Workshops und anderen Projekten des Mammut und der Gruppe chi rom e chi no mit. Unter anderem entstand in dieser Zusammenarbeit der Kurzfilm Il Quarto Piano, aus einem Monate vorher gemeinsam durchgeführten Malworkshop. Dieser fand unter anderem auf den Filmfestivals Festival del Cinema dei Diritti Umani 2010 in Neapel und Buenos Aires, sowie dem Festival dello Spazio Pubblico 2011 in Neapel großen Anklang und ist im Internet in voller Kürze zu sehen. Zwei Wochen lang malten wir fast täglich in den vele, in Treppenhäusern, leerstehenden Wohnungen und auf Balkonen. Wenn wir mit unseren Farbeimern, Pinseln und Sprühdosen auftauchten, kamen Kinder angerannt und baten uns, auch auf ihrem Stockwerk, im Treppenhaus oder auf ihrem Balkon zu malen. In uns entstand die Idee, ein Bild zu malen, das auch die Leute sehen könnten, die nicht in den vele lebten – eines für ganz Scampia.

Der Cardillo (Stieglitz, Distelfink) ist ein Vogel, der in der neapolitanischen Kultur eine große Rolle spielt, er kommt in Musik, Literatur und Film vor. Dabei sieht man ihn meistens in einem winzigen Käfig, selten fliegend. Wegen seines schönen Gesangs wird er im Käfig neben Kinderbetten gestellt, um die Kinder in den Schlaf zu singen. Aufgrund der großen Nachfrage wird der geschützte Cardillo in der Natur gefangen und auf dem Schwarzmarkt verkauft. Im Gespräch mit verschiedenen lokalen Aktivist_innen kam die Idee auf, diesen Vogel großflächig auf die vela celeste (himmelblaues Segel) zu malen, deren obere Stockwerke fast komplett leerstehen. Im Gegensatz zum Anblick des Cardillo im Käfig, den man in Neapel kennt, sollte dieser Cardillo frei sein und fliegen. Die Entscheidung fiel auf die Fassade der vela celeste, da diese aus weiter Entfernung, von der großen Piazza Scampias und vom Mammut aus zu sehen ist. Außerdem hatten wir während den vorherigen Malprojekten bereits enge Kontakte zu Bewohner_innen der vela celeste aufgebaut, die Idee des Cardillo teilweise mit ihnen zusammen ausgearbeitet und stießen bei ihnen auf viel Begeisterung. Dass wir dieses Wandbild tatsächlich realisieren konnten, verdanken wir in erster Linie der Unterstützung eines großen Teils der Bewohner_innen der vele. Diese freuten sich darüber ein Teil der farbigen Umgestaltung des Viertels zu sein und engagierten sich in jeder nur erdenklichen Weise. Vor allem die Kinder waren Feuer und Flamme.

Entsprechend des medialen Interesses, das die vele genießen, oder besser: unter dem sie leiden, gelangte das Bild des Cardillo über das Viertel hinaus zu einer gewissen Bekanntheit. Er hat vielleicht dazu beigetragen in der Gesamtbevölkerung ein gewisses Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass es nicht nur jenes Scampia gibt, welches einem in Gomorra gezeigt wird, sondern dass es sich hier auch um einen Ort handelt in dem ein riesiges schöpferisches Potential schlummert, das Möglichkeiten zum Wandel des Viertels von innen heraus in sich trägt und von dem ausgehend Impulse auch auf andere städtische Räume übergreifen könnten. Dieser Aspekt ist uns bei der Umsetzung des Projekts, sowie der vorausgegangenen und folgenden Wandbilder in Scampia und anderswo besonders wichtig: Zu zeigen, dass der Mensch Schöpfer seiner eigenen Umwelt ist. Dass es selbst an Orten, an denen dies fast nicht mehr denkbar erscheint, möglich ist aus der für unsere Gesellschaft so bezeichnenden aufgezwungenen Passivität auszubrechen. Gelänge es dies konsequent im Alltag zu praktizieren, so würde aus den unwirtlichen Städten, in denen wir leben, ein sich ständig wandelndes, kontinuierlich inspirierendes Ambiente, welches sich nicht nach den Interessen von Immobilienspekulant_innen und Konsorten, sondern nach den Bedürfnissen der Bevölkerung richtet. Lasst uns die Stadt zum oeuvre (Henri Lefebvre) machen – die Stadt als Kunstwerk, geschaffen von den Menschen die in ihr leben!

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