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è permesso – Blauer Himmel und Autobahngrau

Roma gehören zu den größten ethnischen Minderheiten in Italien. Persönlichen Schicksale sind vielfältig – seit Generationen oder erst kürzlich nach Italien gekommen, aus unterschiedlichsten Herkunftsländern, mit EU-Pass oder von Abschiebung bedroht – gemeinsam ist ihnen allen die extreme Diskriminierung, die sie in allen Bereichen der italienischen Gesellschaft erfahren. Seit Jahrzehnten leiden sie unter dem erschwerten Zugang zu formeller Arbeit, Wohnraum, Bildung und der weit verbreiteten öffentlichen Wahrnehmung der Roma als kultureller “Fremdkörper” und “kriminelle Nomaden”.

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Am Rand Scampias, einem der ärmsten Viertel in der Peripherie Neapels lebt eine Gemeinschaft von Roma seit Jahrzehnten unter einer Autobahnbrücke in selbstgebauten Baracken, umgeben von Müll den die Bewohner_innen angrenzender Stadtteile dort abladen. In letzter Zeit hat sich ihre Situation zusätzlich verschlechtert. Durch anhaltende Drohungen von Seiten der Lokalpolitik die Siedlung in Kürze räumen zu lassen. Die Organisation chi rom e… chi no arbeitet seit über 10 Jahren mit den Bewohner_innen der Siedlung zusammen, hilft ihnen bei Behördengängen und in rechtlichen Fragen. Besonderes Ziel ist aber die Annäherung zwischen den Roma und den “italienischen” Bewohner_innen des Viertels, welche auf gemeinsam veranstalteten Festen, Freizeiten für Kinder und dem jährlich stattfindenden Karneval längst Realität geworden ist.

giraffe malen

Im März 2010 planten und realisierten wir gemeinsam mit chi rom e… chi no und den Bewohner_innen der Siedlung die Bemalung der Autobahnbrücke unter der diese leben, sowie mehrerer angrenzender Baracken. Ihre alltägliche Umgebung mit geringen finanziellen Mitteln dafür aber viel Phantasie und handwerklichem Geschick nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten, darin sind die Bewohner_innen der Siedlung Meister_innen, wir können von ihnen nur lernen. Doch jahrelange Diskriminierung und die Angst vor gewaltsamer Vertreibung haben sie gelehrt, dies möglichst unauffällig zu tun. Ziel der Bemalung war es den Menschen die in der Siedlung leben und den alltäglichen Aneignungspraxen durch welche sie überleben, Sichtbarkeit zu verleihen und deren Legitimität zu betonen. Gleichzeitig wollten wir auf die materielle Prekärität der Lebensbedingung unter der Autobahnbrücke hinweisen und Verbesserungen einfordern. Und auch wenn die Bemalung Beton und Abgase über den Köpfen der Bewohner_innen nicht entfernen kann, zumindest symbolisch durchbrechen die unter der Brücke stehenden, oder dort lebenden Betrachter_innen, die triste Realität von Ruß und Beton und richten den Blick auf einem weiten, blauen Himmel.

schau mal da oben

Zum Zeitpunkt der Bemalungsaktion im März 2010 war eine Räumung der Siedlung bereits für die nächsten Wochen angekündigt. Angesichts dieser konkreten Bedrohung ging es einmal mehr um eine symbolische Aneignung des Areals unter der Brücke, das faktisch ja schon seit bis zu 30 Jahren Heimat für die dort lebenden Roma ist.

Die Räumung der Siedlung wurde bis heute nicht durchgeführt. Was wohl auch dem von chi rom e.. chi no geleisteten juristischen Beistand zu verdanken ist. Die Bewohner_innen sitzen heute gemeinsam mit verschieden Organisationen und Vertreter_innen der Kommune Neapel an einem “runden Tisch” um über die Neugestaltung der Siedlung am selben Ort mit zu entscheiden. Ob dieser auch zu runden Ergebnissen führt bleibt abzuwarten.

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