‘N gopp ‘o Mur’

„’N gopp ‘o Mur’“ bedeutet im napolitanischen Dialekt so viel wie „Auf die Wand“. Unter diesem Namen führte das Kollektiv Orangotango im neapolitanischen Stadtteil Scampia von April bis Juli 2013 einen Workshop zum Thema „Kunst im öffentlichen Raum“ durch. Dieser wurde in Zusammenarbeit mit dem Centro Territoriale Mammut, einem Jugend- und Kulturzentrum das seit Jahren in Scampia tätig ist, geplant und teilweise im GRIDAS, der wohl ältesten gemeinschaftlich-kulturell genutzten Besetzung Neapels durchgeführt. Den Jugendlichen Teilnehmer_innen sollte dabei nicht nur die Möglichkeit gegeben werden ihr Viertel künstlerisch mit zu gestalten. Vielmehr sollten durch die theoretische und praktische Beschäftigung mit Kunst im öffentlichen Raum auch eine breitere Reflektion über die eigene Stadt als kollektives Lebensumfeld angestoßen werden.

IMG_1315_rescaledWährend Aufenthalten in Scampia in den letzten Jahren konnten wir immer wieder das große Interesse vieler Jugendlicher an der Ausdrucksform des Graffiti und der Wandmalerei im Allgemeinen verspüren und haben schon einige Projekte in diesem Bereich durchgeführt. Aus diesen früheren Erfahrungen wussten wir bereits wie wertvoll es sein kann über längere Zeit hinweg mit einer festen Gruppe zusammenzuarbeiten. Die zeitliche Ausdehnung des Projekts ‘N gopp ‘o Mur’ gab uns nun die Möglichkeit uns intensiver mit den verschiedenen Aspekten unterschiedlicher urbaner Kunstformen und künstlerischer Interventionen im öffentlichen Raum im Allgemeinen auseinander zu setzen und parallel zu dieser theoretischen Reflektion selbst kreativ tätig zu werden und das Viertel umzugestalten. Die Workshops waren recht flexibel angelegt und wurden im Verlauf der vier Monate an, von den einzelnen Teilnehmer_innen bereits im Vorfeld gemachte Erfahrungen und sich während des Workshops herausbildende Interessen angepasst. Ziel des Projekts war die Verschmelzung von Theorie und Praxis: Die Jugendlichen sollten sowohl zur künstlerischen Betätigung in ihrem alltäglichen Umfeld, als auch zur gemeinsamen Beschäftigung mit verschiedenen historischen Kontexten und der gesellschaftlichen und politischen Relevanz künstlerischer Interventionen im öffentlichen Raum angeregt werden.

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Öffentlichen Raum verstehen wir hier als einen Ort an dem spezifisch städtische Qualitäten wie das Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Individuen, Gruppen, Ansichten und Lebensentwürfen sich konzentrieren und auf kreative Weise wirksam werden. Der gleichberechtigte Zugang zum öffentlichen Raum, sowie dessen selbstbestimmte Nutzung und Gestaltung sollten in einer städtischen Gesellschaft fundamentale Rechte sein. Viel zu oft aber bleibt den tatsächlichen Nutzer_innen die Mitgestaltung des städtischen öffentlichen Raums verwehrt. In besonderem Maße trifft dies für monetär ärmere Schichten zu, die in den meisten Städten in peripher gelegene Vierteln gedrängt werden. In Neapel ist eins dieser Viertel das, in Medienberichten als Hort des Verbrechens stilisierte Scampia, in dem eine durchschnittlich sehr junge Bevölkerung in und zwischen im Verfall begriffenen Hochhauskomplexen lebt und kaum Chancen hat, zur Gestalterin ihres eigenen Lebensumfelds zu werden (siehe Text zum Wandbild “Il Cardillo“). Die Idee des Projektes ‘N gopp ‘o Mur’ war es Möglichkeiten für die kollektive Gestaltung des in der eigenen Alltagspraxis erlebten öffentlichen Raums aufzuzeigen und dadurch nicht nur das eigene Viertel mitzugestalten, sondern ein utopisch inspiriertes Gefühl für weitere mögliche Wandlungsprozesse der städtischen Gesellschaft zu schaffen, sowie Erfahrungen der kollektiven Organisation zu diesem Zwecke zu vermitteln. Der Workshop bestand aus einem theoretisch-reflektierenden und einem kreativ-aktionistischem Teil, welche parallel zu einander abliefen, um sich an möglichst vielen Punkten überschneiden und gegenseitig befruchten zu können.

IMG_1736_rescaledDie theoretische Beschäftigung und das Malen von Skizzen fand zum Großteil im GRIDAS statt, dem Kulturzentrum am Rande Scampias, das vom neapolitanischen Muralisten Felice Pignataro mitgegründet und jahrzehntelang aufrecht erhalten wurde. Dieser hatte bis zu seinem Tod 2004 zahlreiche Wandbilder in ganz Neapel angebracht, an deren Entstehung er oftmals die lokalen Bewohner_innen mitwirken lies. Aus den politischen Kämpfen der Arbeitlosenbewegung und der Barackenbewohner_innen stammend, sah Felice Pignataro, der stark vom mexikanischen Muralismo beeinflusst war in der Wandmalerei eine politische Ausdrucksform, die ihm dazu diente gesellschaftliche Widersprüche anzusprechen und zu Veränderungsprozessen anzustoßen. In den Workshops beschäftigten wir uns intensiv mit der Geschichte des Muralismo und des Graffiti, insbesondere in Italien und Neapel und somit auch mit Felices Werk, oder machten uns auf den Weg in andere Stadtteile, um uns mit aktuell in Neapel aktiven Künstler_innen, wie etwa Cyop und Kaf persönlich zu treffen, auszutauschen und uns mit deren Werk auseinander zu setzten. In diesen explorativen Ausflügen zu verschiedenen Schauplätzen im Stadtgebiet Neapels, gelang es uns auch die im städtischen Raum Neapels materialisierten gesellschaftlichen Ungleichheiten zu erkennen und in unsere Diskussionen einzubeziehen.

IMG_2381_rescaledParallel zur theoretisch-reflektierenden Beschäftigung mit Kunst im öffentlichen Raum fand im kreativ-aktionistischen Teil des Workshops die praktische Betätigung statt. Dabei wurden einerseits grundlegende Mal- und Sprühtechniken vermittelt, andererseits auch ein Gefühl für die Möglichkeit der Intervention und kreativen Veränderung des eigenen alltäglichen Lebensumfelds. Gemeinsam ausgearbeitete Ideen und Skizzen wurden auf Wänden im öffentlichen Raum verwirklicht, die von den Teilnehmenden ausgewählt worden waren. Diese Wände befanden sich meist in den Innenhöfen der Hochhauskomplexe in denen die Teilnehmer_innen wohnen, oder an Straßen und Plätzen an denen sie fast täglich vorbeikommen. Besonders interessant war während des Malens der Kontakt zu Passant_innen und vom Ereignis der farbigen Umgestaltung angelockten Anwohner_innen. Mit deren Meinungen und Gefühlen konnten wir die Diskussionen, welche parallel im theoretischen Teil des Workshops geführt wurden weiter bereichern. Außerdem versuchten wir Vorschläge und Wünsche anwohnender Personen in die Wandbilder einfließen zu lassen, um auch diese zu Mitgestalter_innen des Viertels zu machen. So entstanden in diesen Monaten eine Vielzahl großflächiger, bunt-verschlungener Wandbilder, dort wo vorher der graue Beton regiert hatte.

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